Kongress-Präsidentin des 41. Österreichischen
Chirurgenkongresses
Vorstand der Universitätsklinik für Plastische
und Wiederherstellungschirurgie,
Universität Innsbruck, 6020 Innsbruck
Email: Plastic-Surgery@uibk.ac.at
PATIENT IM VORDERGRUND
Treten bei Patienten mehrere behandlungsbedürftige
Organschäden oder Erkrankungen gleichzeitig auf, muss
der Operateur entscheiden, ob die chirurgische Behandlung
ein oder mehrzeitig durchgeführt wird. Bei mehrzeitigem
Vorgehen ist die sinnvolle Reihenfolge der Eingriffe zu
überlegen: Die Belastung für den Patienten bei
einzeitigem versus mehrzeitigem Vorgehen ist abzuwägen
und ob die verschiedenen Eingriffe miteinander kompatibel
sind (d.h. nach einer Operation x ist es wesentlich den
Patienten gleich zu moblisieren, nach der Operation y ist
strenge Bettruhe zwingend nötig). Neben dem persönlichen
postoperativen Wohl des Patienten sind psychologische und
ökonomische Zwänge zu berücksichtigen.
Patienten mit allgemeiner Skleroseerkrankung leiden häufig
auch an behandlungsbedürftiger Carotis-Verengung /Herzkranzgefäßverengung.
Soll nun an einem Patienten mit multimorbidem Risiko eine
Operation am offenen Herzen vorgenommen werden, muss der
Chirurg das erhöhte Schlaganfallrisiko während
des Eingriffes berücksichtigen und die Entscheidung
über ein- oder mehrzeitiges Vorgehen treffen.
In der Klinischen Abteilung für Gefäßchirurgie
Innsbruck (Prof. Friedrich) wurde drei Behandlungs-strategien
entwickelt:
Im AKH Linz ( Prof. Brücke) wurden an 299 Patienten
Kombinationsoperationen am offenen Herzen durchgeführt.
Diese Simultanoperationen betragen etwa 3 Prozent des gesamten
Krankengutes. Aus einer Langzeitstudie des AKH Linz über
insgesamt 11.089 Operationen geht deutlich hervor, dass
die Ergebnisse bei klarer Indikation für die Entscheidung
des einzeitigen Vorgehens sprechen.
Wichtiger Aspekt FÜR entscheidung: Das postoperative
Befinden des Patienten
Bei schwerer Quetschverletzung beider Hände und Durchtrennung
von Knochen und vielen Weichteilstrukturen wird der Chirurg
- das Chirurgenteam - die Entscheidung über das ein-
oder mehrzeitige Vorgehen kritisch prüfen: Sind bei
der pimären Operation alle Strukturen wiederherzustellen
oder sollte man die Nerven- und Sehnenwiederherstellung
auf einen späteren Zeitpunkt - zu dem das Ausmaß
der Schädigung besser zu beurteilen ist - verlegen?
Weiters gilt es zu bedenken, dass körpereigene Sehnen-
und Nerventransplantate nicht unbegrenzt zur Verfügung
stehen. Bei vor-schnellem primären Einsatz beraubt
man sich der Chance einer weiteren rekonstruktiven Maßnahme.
Hingegen wird sich ein Operateur bei einem Säugling
mit Fehlbildungen an beiden Händen möglichst für
den einzeitigen Eingriff entscheiden: Kinder in diesem Alter
bedürfen naturgemäß der Pflege und Obhut
der Eltern, können noch nicht laufen. Darüber
hinaus erfolgen Umlernprozesse in diesem Alter rascher und
automatischer als in einem späteren Alter.
EINZEITIGES VORGEHEN KONTRAINDIZIERT
Bei mehreren gleichzeitig auftretenden Erkrankungen - z.
B Varizen (Krampfadern) und arteriellen Durchblutungsstörungen
am Bein ist ein einzeitiges - simultanes - Vorgehen nicht
sinnvoll:
Während ein Patient nach einer Krampfadernoperation
gehen - sich bewegen - soll, ist er nach einer Wiederherstellung
der arteriellen Strombahn für einige Tage schonungsbedürftig
und zum Teil immobilisiert.
WIEDERHERSTELLUNGSCHIRURGIE PRÄFERIERT EINZEITIGE
OP
Die rasante Entwicklung der Mikrochirurgie, insbesondere
die Möglichkeit des mikrochirurgischen Gewebetransfers
haben die Grenzen - etwa bei posttraumatischen Defekten
durch Unfall, Verbrennungen, Tumoren nahezu aufgehoben.
Manche Indikation, etwa nach einer Verbrennung verlangt
zwingend das einzeitige Vorgehen: Der Patient muss innerhalb
kurzer Zeit von der verbrannten Haut und dem zu Grunde gegangenen
Gewebe befreit werden. Gleichzeitig muss, um gefährliche
Infektionen zu vermeiden, mit eigener oder künstlicher
Haut gedeckt werden.
Bei unfallbedingten Entstellungen spricht auch der psychische
Faktor für die einzeitige Behandlungs-methode, d.h.
den sofortigen Aufbau, die sofortige Rekonstruktion.
ÖKONOMISCHE und PSYCHOSOZIALE APSEKTE SIND ZU BERÜCKSICHTIGEN
Bei einer hochspezialisierten Synchron-Operation sind nicht
nur die Risken des Einzel-Eingriffes zu bewerten, sondern
auch ökonomische Zwänge zu berücksichtigen:
Zum Beispiel sind bei einer PatientIn nach einem Gewichtsverlust
von etwa 80 kg (durch gastric banding – Adipositas Operation)
plastisch chirurgische Eingriffe indiziert. Dafür übernimmt
die Sozialversicherung die Kosten. Da es sich bei diesen
Patienten meist um junge, im Arbeitsprozess stehende Personen
handelt, ist bei jedem Eingriff zu überlegen ob nicht
gleichzeitig die Bauch- und Brustoperation erfolgen soll.
Dies bedeutet eine wohl primär aufwendigere und zeitintensivere
Operation mit 2 Teams und einen etwas längeren Spitals-aufenthalt,
jedoch nur einen Krankenstand.
Umgekehrt jedoch wird der Chirurg von den Privatversicherungen
für das einzeitige Vorgehen - etwa bei der gleichzeitigen
Wiederherstellung beider Brüste nach Brustkrebs "bestraft":
Entscheidet der Operteur für die einzeitige Rekonstruktion,
wird nur für die Wiederherstellung einer Seite bezahlt.
Grundsätzlich werden von den Privatversicherungen nur
2 Eingriffe an einem Patienten in einer Operation refundiert:
Bei einer beidseitigen Brustwiederherstellung jedoch liegen
4 Operationsgebiete, nämlich zweimalige Gewebs-Entnahme
z.B. vom Rücken oder Bauch und zweiseitiger (zweimaliger)
Aufbau der Brust, vor.
Mehrzeitige chirurgische Eingriffe bedingen durch mehrmalige
Spitalsaufenthalte Mehrkosten anPflege-, Medikamenten- und
Personalkosten. Darüber hinaus muss der Patient mehrmals
hospitalisiert werden und fällt im Arbeitsprozess aus.
Dies führt neben der natürlichen Angst vor Schmerzen
mitunter zu Verlustängsten um den Arbeitsplatz.
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